Archiv-Kultur

Rückblick auf die 76. Berlinale

Kritik an der politischen Ausrichtung - Gewinnerfilm mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet bereits in den Kinos

 Regisseur İlker Çatak
Regisseur İlker Çatak
Foto: Florian Mag / Berlinale
 Film Still Gelbe Briefe
Film Still Gelbe Briefe
Foto: lla Knorz_ifProductions_Alamode Film
Film Still Rose
Film Still Rose
Foto:   Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
Starfoto Sandra Hüller im Berlinale Palast
Starfoto Sandra Hüller im Berlinale Palast
Foto: Jens Koch / Berlinale
Starfoto  Tom Courtenay, Anna Calder-Marshall
Starfoto Tom Courtenay, Anna Calder-Marshall
Foto: Jens Koch / Berlinale 

Wim Wenders, der renommierte Filmemacher, war anlässlich seiner Ausstellung im Deutschen Filmmuseum (DFF) in Frankfurt. Zuvor im Februar war er Jurypräsident des Filmfestivals in Berlin.

Das als politisch angesehene Festival vom 12. bis 22. Februar 2026 wurde von Anfang an kritisiert. 80 Filmschaffende aus Hollywood bemängelten das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“ – veröffentlicht im Branchenblatt „Variety“. Dagegen habe sich das Festival klar zu den Menschenrechtsverletzungen im Iran und in der Ukraine positioniert. Viele Stars kamen daher nicht aus Hollywood. Auch an Jurypräsident Wim Wenders wurde Kritik geübt.

Seit dem Gaza-Krieg gehen die Diskussionen bei der Berlinale immer wieder - weniger um einzelne Filme - um die Frage, welche politische Bühne die Berlinale bietet und wie sie mit ihr umgeht. Auch die US-amerikanische Festivalleiterin, Intendantin Tricia Tuttle, geriet ins Schussfeld, diesmal durch die Bundesregierung. Ihre Ablösung war im Gespräch. Der Vorwurf: sie habe der Rede des syrisch-palästinensischen Filmemachers, der für seinen Film den Nachwuchspreis erhielt, nicht widersprochen. Dieser warf der Bundesregierung vor, „Partner des Völkermords in Gaza“ zu sein. Hinzu kam, dass Tricia Tuttle auch auf dem Siegerfoto zu sehen war, bei dem eine palästinensische Flagge gezeigt wurde. Auch Medien forderten ihren Rücktritt. Daraufhin schwappte eine Solidaritätswelle über die Intendantin, die eine große, internationale Filmkennerin ist. Nun die Mitteilung: sie bleibt. 

Preisträger des Wettbewerbs (kleine Auswahl von 22. Wettbewerbsfilmen) 

Den Großen Preis der Internationalen Jury, den Goldenen Bären, erhielt der Film Gelbe Briefe (Sarı Zarflar, internationaler englischsprachiger Titel Yellow Letters) von İlker Çatak, der von Deutschland, Frankreich und der Türkei produziert wurde. Zum ersten Mal wurde ein deutscher Filmschaffender mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Auch der Gilde-Preis (Arthouse-Kinoverband AG Kino – Gilde e.V.)  ging an Gelbe Briefe.

Der 1984 in Berlin geborene Filmemacher wurde durch seinen Film Das Lehrerzimmer, der auf der Berlinale 2023 gezeigt und später für den Oscar nominiert wurde, berühmt. Gelbe Briefe ist sein 5. Kinospielfilm. Er wurde in türkischer Originalsprache in Deutschland gedreht (Drehbuch İlker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen – Kamera Judith Kaufmann, Szenenbild Zazie Knepper, Schnitt Gesa Jäger, Produzent Ingo Fliess). Berlin wurde zu Ankara, Hamburg zu Istanbul.

Das Drama aus der türkischen Theaterszene erzählt von einem Künstlerehepaar, das aufgrund staatlicher Willkür und behaupteter regierungskritischer Äußerungen seine Arbeit verliert. Die gefeierte Theaterschauspielerin Derya verschwindet nach der Premiere in ihrer Garderobe und verweigert so ein Gruppenfoto des Teams mit dem Gouverneur. Verheiratet ist sie mit dem Dramatiker und Universitätsprofessor Aziz, in dessen Stücken sie spielt. Im Taxi auf dem Nachhauseweg hören sie, dass es in der Stadt zu Demonstrationen und Kämpfen gekommen sei. Am nächsten Tag fordert Aziz seine Studenten auf, an der Friedensdemonstration teilzunehmen. Fadenscheinige Gründe werden für die Kündigung von Derya am Theater und Aziz an der Universität angeführt. Der Vermieter kündigt die Wohnung, die Bank bitten sie vergeblich um Aufschub des Kredits. Aziz nimmt an einer Demonstration gegen die Einschränkung von Bürgerrechten teil. Die Universität klagt ihn an, ihm droht eine Haftstrafe wegen Beleidigung des Präsidenten. Zusammen mit der 13jährigen Tochter verlässt die Familie schließlich die Stadt und zieht in die kleine Wohnung von Aziz’s Mutter nach Istanbul. Durch die Vermittlung des Bruders von Derya, der nicht bereit ist, wirklich zu helfen, bekommt er eine Stelle als Taxifahrer. Es passiert sehr viel, manchmal zu viel - so das Geschehen um die Tochter. Die Ehe und auch die Beziehung zur Tochter werden auf eine harte Probe gestellt.

 „Wie gehen wir mit einem System um, das uns in den zivilen Tod schickt, also vom gesellschaftlichen Leben ausschließt, uns zwar physisch am Leben lässt, doch rechtlich, sozial und beruflich auslöscht?“ so İlker Çatak bei der Pressekonferenz.

Die Idee zur Geschichte Gelbe Briefe war İlker Çatak 2019 bei einem Besuch in der Türkei gekommen. Amnesty International hatte die Auseinandersetzungen von 2016 bis 2019 in der Türkei beobachtet und berichtete, dass die Rechte auf freie Meinungsäußerung und auf Versammlungsfreiheit stark eingeschränkt waren. Vor allem Personen, die als kritisch gegenüber der derzeitigen Regierung galten – Journalisten und Journalistinnen, politische Aktivisten und Aktivistinnen sowie Verteidiger und Verteidigerinnen von Menschenrechten wurden inhaftiert oder mit erfundenen Anklagen konfrontiert.

Die Kritiken zu Gelbe Briefe, unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und in der Süddeutschen Zeitung, würdigten die Regie und das vorzügliche Darsteller-Team. Spannende erzählerische Dichte, politisches Kino in bestem Sinne werden in dem zweitstündigen Spielfilm, in dem viel über die heutige Türkei zu erfahren ist, geboten.

Gelbe Briefe wird bereits in Kinos gezeigt – zum Beispiel im Frankfurter Cinéma am Roßmarkt.

Der Silberne Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle wurde an die großartige, international angesehene Sandra Hüller verliehen. Sie hat sich getraut, im deutsch-historischen Drama Rose eine Hosenrolle zu übernehmen (Regie Markus Schleinzer, Drebuch zusammen mit Alexander Brom, Produzenten Karsten Stöter, Johannes Schubert, Kamera Gerald Kerkletz, Schnitt, Monika Willi). Eine starke Leistung, die den Preis verdient hat. Überzeugend auch Schauspielerin Caro Braun als Ehefrau Suzanna. Drehorte lagen in Österreich und Deutschland.

Rose war Soldat im Dreißigjährigen Krieg, wo sie so manche schlimme Tat verantwortete. Nun will sie sesshaft werden, und das weiterhin in der Rolle als Mann, der sich als Erbe eines verlassenen Bauernhofes ausgibt. Für das Dorf und seine Bewohner wird sie beziehungsweise er ein tatkräftiger, hochgeachteter Mitarbeiter und Ideengeber. Aber ihre betrügerische Täuschung und auch ihre kriminelle Veranlagung bringen sie schließlich durch ein Unglück zu Fall. Ein fesselnder Film, inspiriert von zahlreichen dokumentierten Berichten über Frauen, die in der europäischen Geschichte als Männer verkleidet sind.

Ende April kommt Rose in die Kinos. Das Lichter-Filmfestival wird ihn zeigen.

Der Silberne Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle
ging an Anna Calder-Marshall & Tom Courtenay in dem britisch-US-amerikanischen Film Queen at Sea von Regisseur und Drehbuchautor Lance Hammer. Gedreht wurde in Großbritannien. Es geht um Demenz und Sex im Alter. Ein hochbrisanter Beitrag über Demenz, in dem es über die Frage geht, inwieweit eine demente Person ihre Fähigkeit verloren hat, wichtige Entscheidungen in ihrem eigenen Interesse selbst zu fällen.

Der Film fordert zu vielen Fragen auf, denen sich betreuende Angehörige, die sich oft überfordert fühlen, stellen müssen. Die Französin Juliette Binoche, Oscarpreis-trägerin, in der Hauptrolle der übergriffigen Tochter überzeugt, die schließlich erkennen muss, falsch gehandelt zu haben. Kritisch: stellenweise zu lange, unbedeutende Einstellungen. Dennoch sehenswert.

Sechs Filme von HessenFilm waren auf der Berlinale zu sehen. Dabei war die unter anderem in Maintal und Frankfurt gedrehte Literaturverfilmung und Liebesgeschichte Allegro Pastell von Anna Roller (Sektion Panorama). Es ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Autor Leif Randt, der auch das Drehbuch schrieb. Sein Inhalt beschäftigt sich mit dem Scheitern einer Fernbeziehung. Jannis Niewöhner, Wolfram Koch und Martina Gedeck gehören zum Schauspielerteam. Ab 16. April in deutschen Kinos.

Ebenfalls in Sektion Panorama lief Staatsschutz, ein politisches Drama von Faraz Shariat. Er gewann den Publikumspreis. Eine deutsch-koreanischen Staatsanwältin (Chen Emilie Yan) sagt nach einem rassistischen Anschlag auf ihr Leben der rechten Gewalt und deren Verharmlosung durch die eigene Behörde den Kampf an. Julia Jentsch unterstützt sie als Anwältin.

Insgesamt wurden auf der Berlinale 2026 über 220 Produktionen gezeigt. Gut vertreten waren deutsche Beiträge beziehungsweise Koproduktionen. Es war eine Berlinale, die ihre internationale Bedeutung bewies. Rede- und Meinungsfreiheit wurden bei den gesellschaftspolitischen Debatten sehr ernst genommen. Ein gelungenes Festival.