„Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke im Schauspiel Frankfurt
Das Theater ist nicht abschaffbar
Sechzig Jahre ist es her, dass das Theaterstück des damals 23jährigen österreichischen Schriftstellers Peter Handke in Frankfurt uraufgeführt wurde. Das bewusst provozierende Stück Publikumsbeschimpfung in der Inszenierung von Claus Peymann (1937-2025) erlebte im Theater am Turm (TAT) - untergebracht im Volksbildungsheim am Eschenheimer Turm - ein empörtes Publikum.
Sowohl für Handke, der 2019 den Literatur-Nobelpreis erhielt und später durch seine Pro-Serbien Parteinahme in die Kritik geriet, als auch für den 29 jährigen Claus Peymann war es der Beginn einer großen Laufbahn. Er wurde Intendant an den bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen - Burgtheater Wien und zuletzt Berliner Ensemble.
Der Text erschien 1966 im Suhrkamp Verlag – veranlasst von Karlheinz Braun (*1932), dem Leiter des Theaterverlags. Der gebürtige Frankfurter gehörte zehn Jahre lang zum legendären Lektorat und verließ 1968 nach dem „Aufstand der Lektoren“ den Suhrkamp Verlag. Mit Schriftstellern gründete er den Verlag der Autoren, der zu einer wichtigen Adresse deutscher Theater- und Filmautoren wurde und nun bald 60 Jahre in Frankfurt ist. In seinem Buch Herzstücke – Leben mit Autoren, das 2019 im Schöffling Verlag erschien, erinnert sich Braun auch an die Uraufführung der Publikumsbeschimpfung in Frankfurt: Beginn einer neuen Theaterliteratur, eine Zäsur fürs Theater, dennoch blieb manches beim Alten.
Nur vier Schauspieler in Jeans und Pulli standen damals auf der Bühne. Dekoration gab es nicht. Das Sprechstück lenkte die Aufmerksamkeit von der Bühne direkt herunter ins Publikum, das zum Thema wird. Der Literat Handke greift das Theater, das schon viele Krisen erlebt hatte, mit dem Mittel der Sprache an – nicht aus Verachtung, sondern weil er es liebt und starre Formen aufbrechen will. Claus Peymann, der Regie führte, erinnert sich später in einem Gespräch: „Man kann nur das beschimpfen, was man liebt“ - eben das Theater. „Jammergestalten“, „vaterlandslose Gesellen“, „Strauchritter“, „Saujuden“, „Nazischwein“, „Asoziale“, „Rotzlecker“ (Schleimer), Worte, die aufs Publikum prasselten und auch diesmal in der Neuinszenierung, aber erst am Ende.
Bei der Wiederaufnahme im Schauspielhaus Frankfurt gab es braves Applaudieren, keinerlei Protest. Da stehen anfangs sechs Ensemblemitglieder des Schauspiels Frankfurt noch in Alltagskleidung in der Neuinszenierung von Claudia Bauer ganz hinten auf der großen Bühne und stimmen sich impulsiv mit dem Wort „Rotzlecker“ auf die Beschimpfung ein. Ganz langsam kommen sie nach vorne. Aus dem Sprechstück wird dann mehr und mehr eine Sprechkaskade mit Sprach-Videos hinter den Anstachlern, deren Texte schwer zu fassen sind. Immer wieder gibt es Auftritte in ausgefallenen Kostümen (Patricia Talacko), so die weiß-gekleideten Clowns mit Spitzhüten, die minutenlang aus Türen treten, eine Szene ohne Bedeutung. Kein Bühnenbild, wenige Requisiten (Andreas Auerbach). Dagegen richtig theatralische Höhepunkte zum Beispiel, wenn die sechs Ensemblemitglieder Torsten Flassig, Katharina Linder, Andreas Vögler, Sebastian Kuschmann, Anna Kubin, Lotte Schubert eine Stuhlbank ganz vorne an den Bühnenrand schieben, Platz nehmen und abwechselnd Handke-Texte aufs Publikum loslassen. Das großartige Spiel und der Gesang dieser Gruppe machen Spaß.
Musik spielt eine wichtige Rolle. Links von der Bühne in einem gläsernen Kasten sitzen die Musiker mit Cello, Schlagwerk, Tasten, Electronics - und eine Dirigentin für das Bühnenteam wurde engagiert.
Langweilig wird es dem Publikum, das erst am Schluss beschimpft wird, keineswegs. Regisseurin Claudia Bauer begeisterte 2022 am Schauspiel Frankfurt mit Der diskrete Charme der Bourgeoisie nach Luis Buñuel. Der im Jahr der Uraufführung von Publikumsbeschimpfung geborenen Künstlerin ist ein lebendiger Abend gelungen, der die eine oder andere nicht so geglückte Szene vergessen lässt.
Weitere Aufführungen im Februar am 11., 15., 23. und 27., am 7. März und am 5. April.
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