Liebesbriefe zum Valentinstag?
„Ist Sankt Valentin tot?“… fragte der Daily Mirror seine Leser schon Ende der 1950er Jahre. Und lieferte auch gleich eine Antwort mit: Die Jugend sei „nicht länger gefühlvoll.“ Na, ob’s wirklich (nur) an der Jugend gelegen hat? Bekanntlich wird der Verfall der Jugend bei schrägen Ausführungen immer gerne bemüht. Ein Blick in die liebesbriefliche Fachliteratur zeigt jedenfalls, dass die Beliebtheit des Valentinstags auch schon früher ihre Höhen und Tiefen kannte. Und vermutlich nicht (nur) wegen einer unromantischen Jugend.
Foto: Deutsche Post DHL
„Ist Sankt Valentin tot?“… fragte der Daily Mirror seine Leser schon Ende der 1950er Jahre. Und lieferte auch gleich eine Antwort mit: Die Jugend sei „nicht länger gefühlvoll.“ Na, ob’s wirklich (nur) an der Jugend gelegen hat? Bekanntlich wird der Verfall der Jugend bei schrägen Ausführungen immer gerne bemüht. Ein Blick in die liebesbriefliche Fachliteratur zeigt jedenfalls, dass die Beliebtheit des Valentinstags auch schon früher ihre Höhen und Tiefen kannte. Und vermutlich nicht (nur) wegen einer unromantischen Jugend.
Waren’s die Edisons und Bells dieser Welt?
Die Maxime des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhans, wonach kein neues Medium, die alten Medien in Ruhe lässt (oder so ähnlich), trifft es schon eher. Wie zur Bestätigung klagt Herausgeber Georg Lentz in seiner Sammlung „Die schönsten Liebesbriefe aus acht Jahrhunderten“, die „sonst so nützliche Erfindung des Telefons“, habe „dem Liebesbrief fast den Garaus gemacht“. Und heute, in Zeiten von Internet und Social Media, haben das geschriebene Wort generell und die briefliche Kommunikation speziell einen noch schwereren Stand als zu Zeiten von Thomas Alva Edison, Alexander Graham Bell und Philipp Reis. Dazu sprechen die Zahlen der Deutschen Post eine klare Sprache: Waren es 2010 noch 68 Millionen Briefsendungen, die pro Werktag von A nach B befördert wurden, so sind es heute nur noch 42 Millionen. Dieser Rückgang ist dramatisch und er betrifft alle Arten von Briefen: Geschäftsbriefe, Privatpost - und bestimmt auch die Liebesbezeugungen per Brief.
Liebesbriefe im Einsatz oder Parfüm „geht nicht durchs Telefon“
Trotzdem. Der Liebesbrief hat seine Nischen, in denen er überlebt. Das liegt auch daran, dass Liebesbriefen eine besondere Form von Integrität anhaftet. Denn bei Liebesgrüßen per Brief wird buchstäblich Hand angelegt. Außerdem ist das gesprochene Wort ein flüchtiger Geselle. Es verhallt schnell: kaum gesagt, schon weg. Hörer aufgelegt, Stimme weg. Liebesschwüre auf Papier sind da langlebiger. Egal ob altmodischer Quartbogen, Papierfetzen aus Schulheften oder teures Büttenpapier: Papier hat Bestand und mit ihm die Liebeszeilen, die draufstehen. Man kann das Brieflein in die Hosentasche stecken, immer wieder rausholen, von neuem lesen und das „Archiv des Herzens“ (Georg Christoph Lichtenberg) neu sichten so oft man will. Auch in unwirtlichem Gelände geht das. Dort, wo es weit und breit kein Netz gibt oder man sich lange anstellen müsste, um irgendwann unter Zeitdruck telefonieren zu können. Wenn der Brief dann auch noch parfümiert ist, dann können Telefon und Social Media ganz einpacken. Denn an parfümierten Liebesbriefen kann man riechen und in schönen Erinnerungen schwelgen. Immer wieder. Dass Parfüm nicht „durchs Telefon geht“, ist jedenfalls ein unschlagbarer Vorteil des parfümierten Liebesbriefs! Das erklärt ein Stück weit auch die Aufregung von Soldatinnen und Soldaten, wenn die Feldpostbriefe vor Ort in den Lagern eintreffen. Gerade vor Ort in den Einsatzgebieten kann man Briefe einstecken und in unwegsamem Gelände oder beim „Wache schieben“ mitführen, herausholen, betasten - und immer wieder lesen. So entsteht, immer wieder aufs Neue, „Intimität auf Distanz“.
Was machen Krisen mit der Liebe?
Überhaupt scheinen Liebesbriefe in Krisenzeiten am wenigsten in der Krise zu sein. Denn Krisenzeiten sind emotionale Ausnahmesituationen. Da ist das Bedürfnis nach lieben Worten größer und Mitteilungen per Brief haben eine besondere Bedeutung. Briefe können räumliche Distanzen überwinden - und sogar Gefängnismauern. Das zeigen beispielsweise die Briefe von Sophie Scholl an ihren Freund Fritz Hartnagel. Laut der Wochenzeitung „Die Zeit“ zählen sie zu den „ungewöhnlichsten, ergreifendsten Zeugnissen, die aus jener Zeit der finsteren Barbarei auf uns gekommen sind“. Bewegende Liebesbriefe sind das, geschrieben unter schwierigsten Bedingungen und im Angesicht des Todes.
Eine Krise anderer Art war die Corona-Pandemie. Eine gesamtgesellschaftliche Ausnahmesituation und auch eine Herausforderung für die Kommunikation. Man weiß zwar wenig darüber, wie viele Liebesbriefe in Corona-Zeiten tatsächlich versandt wurden, aber die Vermutung dürfte nicht allzu gewagt sein, dass in Zeiten, in denen man liebe Menschen nicht mal drücken durfte und auf körperliche Nähe fast gänzlich verzichten musste, verstärkt auf das Medium „Brief“ gesetzt wurde, um Gefühle auszudrücken, räumliche Distanzen zu überwinden und trotzdem so etwas wie Nähe und Verbundenheit zu schaffen.
Liebesbriefe auf Platten & Slogans auf Briefkästen
Und was sind Liebe und das Verliebtsein anders als emotionale Ausnahmesituationen auf individueller Ebene? Nach wie vor kann der Weg per Brief ins Herz der geliebten Person ein Mittel der Wahl sein. Und sogar eines, das oft besungen wird, denn von der Emotion zur Musik ist es bekanntlich nur ein Katzensprung. Erstaunlich ist die Bandbreite der Musiker, die sich mit dem Thema „Liebesbriefe“ beschäftigt und diese auf Vinyl & Co. besungen haben: Rock’n Roller Bill Haley („One Sweet Letter From You“) ist ebenso dabei wie Johnny Cash („Letter From Home“), Tom Jones („Letter To Lucille“), Al Martino („Love Letters“) und ELO („A Letter From Spain“). Und nicht nur zahlreiche Musiker lassen sich ins Lager der Liebesbrieffans verorten. Auch die globale Organisation von MoreLoveLetters.com ist überzeugt: „The World Needs More Love Letters”. Das ist schon verdammt nah dran am Uralt-Werbeslogan der Post: „Schreib mal wieder“. Und achtet auf die Briefkästen, die von fremder Hand mit der Aufschrift „Nur für Liebesbriefe“ markiert wurden, möchte man hinzufügen. Diese Form der Sachbeschädigung zeigt zumindest, dass das Thema „Liebesbriefe“ auch in digitalen Zeiten noch viele Menschen umtreibt. Gewissermaßen ein Ruf nach Liebe auf Postinventar im öffentlichen Raum. Jedenfalls gilt: Solange die gelben Briefkästen der Post gut gefüllt sind, dann ist das Schreiben von zartrosa Liebesbriefen zu Sankt Valentin wahrscheinlich noch lebendig. Denn die Hoffnung, dass in gut gefüllten Briefkästen auch viele Liebesbriefe liegen, stirbt zuletzt.
Deutsche Post DHL
Weitere Artikel aus der Kategorie: