KI soll Hörtests präziser und unabhängiger vom Fachkräftemangel machen
In der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt wird ein KI-gestütztes System erstellt, das Spracheingaben automatisch erkennt und Sprachaudiogramme etwickelt.
Foto: Hessisches Ministerium für Digitalisierung und Innovation
Digitale Hördiagnostik:
Die Zahl der Menschen mit relevanter Schwerhörigkeit in Deutschland ist hoch – Schätzungen reichen von fünf bis elf Millionen Betroffenen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Entwicklung moderner, effizienter Hördiagnostik zunehmend an Bedeutung. Ein neues Forschungsprojekt aus Hessen setzt genau hier an: Die Acousticon Hörsysteme GmbH aus Reinheim entwickelt gemeinsam mit der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt ein KI-gestütztes System, das Spracheingaben automatisch erkennt und Sprachaudiogramme erstellt. Gefördert wird das dreijährige Projekt vom Hessischen Ministerium für Digitalisierung und Innovation mit knapp 500.000 Euro.
Hörprobleme im Rhein-Main-Gebiet: Wie viele sind betroffen? – Eine belastbare Schätzung
Konkrete regionale Zahlen zur Hörschädigung liegen für Frankfurt und die Metropolregion nicht vor. Allerdings lassen sich fundierte Näherungswerte ableiten:
- Frankfurt am Main hatte zur Jahresmitte 2025 rund 778.589 Einwohnerinnen und Einwohner.
- Neuere Studien gehen davon aus, dass etwa 16 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland schwerhörig sind.
Übertragen auf Frankfurt ergibt dies etwa124.500 Frankfurterinnen und Frankfurter mit relevanten Hörproblemen
(Schätzung basierend auf 16 % Prävalenz × Bevölkerungszahl)
Da das Rhein-Main-Gebiet deutlich größer ist – die Metropolregion umfasst hessen- und länderübergreifend mehrere Millionen Einwohner –, liegt die Zahl der Betroffenen dort entsprechend wesentlich höher.
KI soll Hörakustiker entlasten
Hörakustiker sind für die Durchführung von Sprachtests unverzichtbar – doch der Fachkräftemangel belastet die Branche zunehmend. Besonders das Sprachaudiogramm, der aussagekräftigste Test zur Beurteilung des Alltags-Hörvermögens, ist zeit- und personalintensiv.
„Dieser Test bildet viel genauer ab, wie Menschen Sprache im Alltag verstehen“, erklärt Harald Bonsel, Geschäftsführer der Acousticon Hörsysteme GmbH. Da viele Betroffene undeutlich sprechen, ältere Menschen Dialekte verwenden und Hintergrundgeräusche das Hörverstehen erschweren, ist der Test komplex – und für Akustiker selten Routine, da er nicht zu den Standarduntersuchungen gehört.
Wie KI das ändern soll
Das nun geförderte Projekt entwickelt eine künstliche Intelligenz, die:
- gesprochene Antworten automatisch erkennt,
- Dialekte und undeutliche Aussprache einordnen kann,
- Hintergrundgeräusche wie in realen Alltagssituationen simuliert,
- und daraus ein Sprachaudiogramm erzeugt.
Im Fokus steht ein neuartiges Zusammenspiel aus:
- KI-basierter Spracherkennung,
- Multimikrofontechnologie,
- intelligenter Software zur automatisierten Teststeuerung.
Das Ziel: Ein zertifiziertes Medizinprodukt, das Akustiker entlastet, Fehler in der Diagnostik reduziert und langfristig auch multilingual arbeiten kann.
Forschung und Praxis Hand in Hand
Die Audiologische Akustik der Goethe-Universität bringt umfangreiche Erfahrung aus klinischen Studien ein. Erste Bachelor- und Masterarbeiten zeigten bereits, dass KI-basierte Spracherkennung im audiologischen Umfeld vielversprechend funktioniert. Daher trat die Universität an Acousticon heran, um ein gemeinsames Technologieprojekt zu starten.
Digitalministerin Prof. Dr. Kristina Sinemus betont die Bedeutung solcher Entwicklungen: „Hessen bringt Künstliche Intelligenz dorthin, wo sie den Menschen ganz konkret hilft.“ Die Förderung sei ein Beispiel für gelungene Kooperationen von Forschung und Wirtschaft, die digitale Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen entwickeln.
Ein Projekt mit Signalwirkung
Wenn das System erfolgreich zugelassen wird, könnte es einen neuen Standard in der Hördiagnostik setzen – nicht nur in Hessen, sondern bundesweit. Angesichts der Millionen Betroffenen in Deutschland und der hohen Dunkelziffer nicht diagnostizierter Hörminderungen ist der Bedarf groß.
Für Frankfurt und das gesamte Rhein-Main-Gebiet, in dem Tausende Menschen mit Hörproblemen leben, könnte die neue Technologie zu einem echten Präzisionsgewinn in der Diagnostik führen.
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